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Aus der 1. Ausgabe im Jahr 2012 der Schülerzeitung

Die Triebwerke unseres Schülerzeitungsflugzeugs sind fraglos unsere Sudokus. Wenn es die nicht gäbe, könnten wir die 500 Exemplare pro Ausgabe reihenweise einstampfen lassen.

Das soll keine Kritik sein, das fliegende Spaghettimonster bewahre! Ich möchte in diesem Sinne Ihre höchst engagierten Bemühungen hervorheben. Es ist einfach nur großartig, wie Sie alle die Initiative ergreifen und sich selbst und vor allem der Politik den Spiegel vorhalten: »Wir, das gemeine Volk, wir tun etwas gegen eure kollektive Dyskalkulie!« Das ist ein gutes Zeichen, die Welt ist also doch noch nicht ganz verloren – sehr unterstützenswert.

Denn in Zeiten wie diesen kann es schließlich problemlos vorkommen, dass man (respektive: die Hypo Real Estate-Bank) sich versehentlich mal um 55,5 Milliarden Euro verrechnet – hupsala. Aber was soll’s: Kann doch jedem mal passieren. Wer hat nicht schon mal ein paar Milliarden in einer Kiste irgendwo auf dem Dachboden wiedergefunden?

Nein, ganz ehrlich und ohne Ironie, Sarkasmus und exotischere Konsorten: da bin ich doch jedem auf Knien dankbar, der solche phänomenalen Rechendefizite auch bei sich selbst sucht, findet und entschlossen dagegen angeht. (An dieser Stelle können Sie sich jetzt einen unglaublich schlechten Wortwitz á la »veni, vidi, sudoki« ausdenken.)

In Zeiten wie diesen muss man sich ohnehin mit Vielem abfinden. Ich habe diesen Trend erkannt und mich entschlossen in unterschiedlichen Belangen abgefunden; so zum Beispiel damit, dass mit jeder neuen Ausgabe dieser Zeitung die erste Frage nicht lautet, auf welcher Seite es denn meine hochinteressante Analyse zur Wirtschaftskrise zu lesen gäbe, sondern »Und? Gibbet wieder Sudokus?«.

Oder mit der Tatsache, dass rechtsradikale Gewalt hier (in unserem eigentlich doch damals so voll denazifizierten Deutschland und so! Alter!) für große Teile der Gesellschaft eine Riesenüberraschung war, eine so große Überraschung, dass irgendjemand vor lauter kognitiver Verwirrung das schreiend rassistische Unwort »Döner-Morde« erfand – und am Ende will’s doch niemand mehr gewesen sein.

Oder damit, dass Kontaktlinsen und eine neue Frisur wohl doch keinen tugendhaften Ehrenbürger aus einem betrügerischen Arschgesicht machen. (Wenn »Döner-Morde« nicht diskriminierend ist, dann ist es »betrügerisches Arschgesicht« auch nicht: Über »betrügerisch« diskutiere ich gar nicht erst und da bei Döner-Morden weder Döner umgebracht wurden noch der hier Betroffene sein Gesäß im Gesicht trägt, kann mir auch niemand vorhalten, das wäre beleidigend!)

Nachdem man mich nach der letzten Ausgabe darauf gestoßen hatte, ich würde doch sehr negativistisch schreiben, kam ich zu dem Schluss: Das stimmt tatsächlich. Ebenso ist wahr, dass dies hier anfangs der Intention verfolgte, jenen Verbesserungsversuch in Konkretes umzusetzen. Offenbar bin ich darin, Achtung, vorerst gescheitert!

Aber Moment. Mal von der anderen Seite aus betrachtet: rechte Gewalt und Karl-Theodor zu Guttenberg gut finden ist doch auch doof.

Nicht wahr? Na also.

P.S.: Wir veröffentlichen leider nur alle drei Monate eine Zeitung, sonst würde ich mich sicherlich auch gnädigerweise bemühen, nicht in einer Glosse die fünfundzwanzigtausenddreihundertvierundsiebzig Themen abzuhandeln, die in dem Zeitraum davor relevant gewesen sind.

Ein Essay von Max Niemann

Lesen Sie den Artikel doch in gelayouteter, druckbarer Version mit Fotos!

Als Anders B. am 22. Juli 2011 im Osloer Regierungsviertel eine Bombe zündet und kurze Zeit später auf der kleinen Insel Utoya ein grausames Massaker verübt, sterben dabei fast hundert großteils junge und engagierte Menschen.

In verschiedenen Medien heißt es schnell: An diesem Tag sei auch noch etwas anderes gestorben. Etwas weniger Greifbares. Und Norwegen werde ein anderes Land sein nach diesen Anschlägen, eines, das sich seiner Zerbrechlichkeit nun stets bewusst sein müsse.

Ganz am Anfang blitzt kurz die Vermutung auf, der zu diesem Zeitpunkt noch gesichtslose Täter sei ein Islamist. Schnell jedoch stellt sich heraus: Das Gegenteil ist der Fall. Denn B.s Ziel war es, der ganzen Welt auf besonders schmerzhafte und eindrückliche Weise seinen Hass gegen den Islam zur Schau zu stellen.

Nicht zufällig wählte der Täter Utoya als sein Ziel. Am Tag zuvor hatte der norwegische Außenminister die Menschen aufgesucht, deren Leben B. bald darauf mit Kopfschüssen auslöschte – um ihr politisches Engagement zu würdigen. B.s Opfer waren aufstrebende Jugendliche und junge Erwachsene, die sich für die sozialistische Regierungspartei einsetzten.

Auf Facebook-Seiten, die Freunde zu ihrem Gedenken erstellt haben, liest man noch Monate später fassungslose Beiträge und immer wieder ein trauriges »Hvil i fred« – ruhe in Frieden. Was haben diese jungen Leute Anders B. so Schlimmes angetan, dass es ihn dazu brachte, sie zu erschießen?

Die harte Wahrheit ist: Nichts. Sie waren für ihn nicht mehr als ein Symbol; ein Symbol für Achtsamkeit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. B. sah sie nicht als Menschen, schon gar nicht als solche, die in dem Ferienlager ihre Utopie der Gesellschaft lebten. Er wollte ein Exempel statuieren, vielleicht Seelenverwandte dazu animieren, sich zu ihrer Ideologie zu bekennen und sie radikaler zu vertreten als vorher. Diesen Versuch haben die Norweger mit einer musterhaften Mischung aus ehrlicher Betroffenheit und gleichzeitiger Strenge vereitelt.

Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat sich im kollektiven Schockzustand nach dem Attentat besonders positiv hervorgetan und erntet nicht umsonst große Anerkennung für seinen Umgang mit »Norwegens 9/11«, wie manche Kommentatoren die Tragödie bezeichnen. Während deutsche Politiker reaktionistisch nach schärferen Anti-Terror-Gesetzen und Vorratsdatenspeicherung riefen, blieb Stoltenberg ruhig und gleichzeitig sehr nahbar.

Fotos zeigen ihn zwar mit den Tränen kämpfend, seine Worte hingegen sind gefasst: »Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit« lautet seine Forderung. Er verunglimpft B. nicht, stellt ihn nicht (wie Bush es seinerzeit mit Osama bin Laden tat) als den Teufel auf Erden dar, sondern sucht nach Erklärungsansätzen.

Aus den Worten spricht eine Einstellung, die wir Deutschen uns noch nicht haben aneignen wollen. Sie basiert im Wesentlichen darauf, den Ursprung des Problems ausfindig zu machen und nicht seine Auswirkungen zu verhindern.

Stoltenberg hat eines völlig richtig erkannt: Einer Gesellschaft, die derart radikalisierte Fanatiker hervorbringt, ist nicht einfach zu helfen, indem Fanatismus stärker bestraft wird. Der Attentäter sagt später selbst, dass die drohende Strafe ihn in keinem Fall von der Tat hätte abhalten können. Nein, vielmehr ist es Aufgabe dieser Gesellschaft, in sich nach dem zu suchen, das Menschen wie B. möglich macht.

Diese Aneinanderreihung von Besonderheiten führt zu einer sehr interessanten Frage: Warum so anders? Wie kommt es dazu, dass die Norweger so viel gesetzter auf die Ereignisse in ihrem eigenen Land reagieren als beispielsweise wir (völlig unbeteiligten) Deutschen?

Diese Frage hat mich derart umgetrieben, dass ich meine Hausarbeit diesem Thema gewidmet und mich ausführlich damit auseinandergesetzt habe. Die Ergebnisse halte ich für sehr lehrreich, bieten sie uns doch einen Anreiz, die eigene soziokulturelle Situation zu reflektieren und möglicherweise neue Ideen einfließen zu lassen.

Die norwegische Gesellschaft beweist ein großes Maß an Geschlossenheit und Solidarität: Nach dem 22. Juli findet man in den Zeitungen Fotos von Trauernden, die aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten kommen, verschiedene Herkünfte und Hautfarben haben – und sich dennoch alle einträchtig als Norweger begreifen, mit einer gewissen Portion Stolz, aber ohne Ausgrenzung.

Eine solche Verbundenheit zum eigenen Land findet sich in diesem Ausmaß kein zweites Mal. Erreicht wird dieser Zustand durch verschiedene politische Faktoren.

So ist bemerkenswert, dass in Norwegen jedes Kind zehn Jahre lang in der gleichen Gruppe zur Schule geht – wenn ich über meine Schulzeit resümiere, dann finde ich vier Jahre Grundschule, fünf Jahre eine Gymnasiumsklasse, dann eine weitere Neuaufteilung und schließlich zwei komplett zerstreute Oberstufenjahre.

Zudem hat sich die Bildungspolitik dem Ziel verschrieben, »sowohl Wissen und Kultur zu vermitteln als auch soziale Mobilität zu fördern und eine Grundlage für die Bildung von Wohlstand sowie zur Fürsorge für alle zu schaffen«.

Weitere Indizien finden sich, sobald man in der Geschichte des Landes zu graben beginnt. Besonders stechen hierbei die beiden Weltkriege hervor: Ungeachtet des hochkochenden Konflikts ringsherum vermag es Norwegen, in beiden Kriegen weitestgehend Neutralität zu bewahren. Im Zweiten Weltkrieg kommt es zwar zur Besetzung durch die deutschen Streitmächte – doch der Drang der Norweger nach Partizipation und Meinungsfreiheit ist dermaßen groß, dass die Nationalsozialisten ihre Führung nur unter erheblichem Schutz der Wehrmacht behaupten können.
Es scheint nach 1945 fast so, als würde Norwegen für seine Haltung belohnt; in den 1960‘er Jahren findet man beachtliche Ölvorkommen im norwegischen Hoheitsgebiet und markiert so den Startpunkt einer im Laufe der kommenden Jahre immer mehr florierenden Wirtschaft. Doch hier resultiert das Plus an Kapitalismus nicht in Ungerechtigkeit: Die Einkommensverteilung ist die weltweit siebtbeste und übertrifft die beispielsweise der USA um Längen.

Aus der bereits angeführten Bildungsintention heraus lässt sich womöglich ein weiteres Phänomen erklären: Nur 0,2 Prozent aller Norweger sind mehr als ein Jahr lang ohne Arbeit. Und wo andere Studien feststellen, dass Arbeitslosigkeit unglücklich macht, beweist sich hier der Umkehrschluss – laut der »World Values Survey« gehört Norwegen zu den glücklichsten Ländern der Welt.

Einsame Spitze ist das Land jedoch in den Erhebungen des »Human Development Index«, der die soziale Entwicklung der Welt untersucht. Hier belegt Norwegen in jeder Kategorie den ersten Platz. Grundlage ist ein Geflecht aus Werten und ihrer Ausprägung: Norwegen hat einen extrem hohen Grad an Demokratie, und die Bevölkerung ist den Aufgaben der Souveränität gewachsen. Die Norweger sind weitestgehend religionsunabhängig und komplett unnationalistisch.

Eine letzte Wertgruppe jedoch gibt den entscheidenden Kick: die Selbstverwirklichungs-Werte (Norwegen: wieder Platz 1). »Selbstverwirklichungs-Werte führen zu hohen Prioritäten in [...] der Toleranz gegenüber Andersartigkeit und zu einem gesteigerten Verlangen nach Partizipation im ökologischen und politischen Leben.«

Da ist der Schlüssel zum Glück!

Weiterführendes finden Sie bei Interesse in meiner Hausarbeit unter tinyurl.com/mn-norwegen.

Seltsame Dinge geschehen

In Ruhephasen dieses Blogs erreicht mich vor allem eins: Spam-Kommentare. Die werden Ihnen, verehrte Leser, natürlich nicht angezeigt, irgendeine intransparente Software sortiert das vorher aus und alle paar Wochen schaue ich nach, ob nicht vielleicht einer der wenigen »echten« Kommentatoren dem Algorithmus zum Opfer gefallen ist.

Heute habe ich dabei etwas anderes Schmankerl gefunden, nämlich Suchbegriffe, mithilfe derer Menschen auf diesen Blog gestoßen sind. Einige besonders kuriose möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. (Und bald kommt dann auch mal wieder ein vernünftiger Text – versprochen!)

  • ich komme ja schon englisch
    (Wie kommt man damit auf diese Seite?)
  • von tomaten pickel
    (Von Tomaten Pickel bekommen? Was auch immer damit gemeint ist – es klingt seltsam …)
  • gymansium glosse schreiben
    (Bin ich neuerdings Anbieter von Workshops, oder was?)
  • pädophiler meinersen
    (Ich verstehe noch weniger, wie man da auf meinen Blog kommt)
  • der zerfall des guttenbergs
    (Da hätte man lieber eine Chemie-Seite bemüht, glaube ich)
  • pornos aus meinersen
    (Ich weigere mich, das zu kommentieren)
  • wenn du der gleichen meinung bist poste
    (Juchu, Kettenbriefe!)
  • backofen+blog -shop -kauf -verkauf -seo -amazon -billiger.de -ebay -guenstiger.de -gmbh -ag -gbr
    (Mit diesem Sucheintrag bin ich tatsächlich Nummer 4, nach einem Blog, der »…petersilie« heißt)
  • gymnasium homosexualität
    (Ich habe über beides mal geschrieben, aber in Kombination? Nicht, dass ich wüsste)
  • atomvogel
    (Einer meiner Lieblinge!)
  • sollte es die todesstrafe für kindervergewaltiger in deutschland geben
    (Falls das nächste Mal einer sucht: Nein.)
  • esc zeigte iener den hintern?e
    (Keine Ahnung, so sehr hab’ ich mich damit nicht auseinandergesetzt)
  • hetze gedicht
    (Bitte?)

Die Hälfte der Sucheinträge war übrigens deprimierenderweise nichts Inhaltliches, sondern mein Name. Naja, was soll’s.

In eigener Sache: Morgen kommt die neue Ausgabe der Schülerzeitung ‘raus! Ich würde mich über reges Interesse und viele kritische Rückmeldungen freuen!
Aus der 3. Ausgabe der Schülerzeitung

Das neue Schuljahr hat begonnen, eins verbleibt uns noch bis zum endgültigen Weltuntergang am 21. Dezember des nächsten Jahres. Und wie ein Zuarbeiten auf die Apokalypse erscheinen momentan auch sowohl schulischer als auch gesellschaftlich-politischer Status quo.

Mein frischgebackenes Oberstufendasein lag bedauerlicherweise vor dem Servieren viel zu lange im Ofen und verursachte daher während des Konsums anhaltenden Brechreiz, den ich nur sehr mühsam zu unterdrücken vermochte. Immerhin brachte dieser verkohlte Kuchen »Oberstufe« die wichtige Erkenntnis, dass »Freizeit« ein zu langes Wort ist, als dass man außerhalb der Ferien auch nur Zeit hätte, es auszusprechen.

Unsanft wie nie zuvor wurden wir angehenden Oberstüfler (ein Wort, so idiotisch, dass es maximal von »Bufdis« getoppt wird) aus dem komatösen Schlaf der Sommerferien geprügelt, als schon das erste Wochenende nach zwei Tagen Schule mit einer immensen Menge an Hausaufgaben bepackt wurde. Die Hoffnung, dass ja alles doch nicht so schlimm wäre und es sich nur um den ersten Schock handle, wurde nur in sehr begrenztem Maße erfüllt; so zum Beispiel, als in zweien meiner Leistungskurse sämtliche Vorbereitungsstunden vor der Klausur entfielen. – … verdammt. Das ist eher noch ein Gegenbeispiel.

Bildlich betrachtet ist das G8-Konzept ein umgekehrt funktionierender Backofen. Während bei dem Backofen »Backofen« der Inhalt (hier: Kuchen) verschmort, wenn bei gleicher Stoffmenge die Backzeit erhöht wird, so verschmort bei dem Backofen »G8-Konzept« der Inhalt (hier: Schüler) bei gleichbleibender Stoffmenge unter verkürzter Backzeit.

Manchmal denke ich laut und frage mich, warum das alles? Leider bekomme ich keine Antwort und muss mir das »Weil wir in einer Leistungsgesellschaft leben und die Wirtschaft das so will« auch noch selbst denken.

(Als neue Antwort hat sich womöglich vor einer Weile »Die Pleite-Griechen sind an allem schuld!« ergeben, das am Stammtisch in der Gesellschaft inzwischen zu einer Allzweckbegründung avanciert ist. Zweifellos hat es in Griechenland ein fatales ökonomisches Missmanagement gegeben, das noch immer andauert. Aber ich würde nicht im Traum darauf kommen, dieses Missmanagement für sämtliche wirtschaftlichen Probleme unseres Kulturkreises verantwortlich zu machen.)

Ich möchte an dieser Stelle ein Ätschibätschi voller Genugtuung und gleichzeitig Verzweiflung an alle »Steuern runter! Schulzeit runter!«-Schreihälse richten: Amüsanterweise ist das Land mit der weltweit zufriedensten Bevölkerung das, in dem die Kinder am längsten zur Schule gehen und die Erwachsenen die meisten Steuern zahlen.

Genau: Norwegen. Im Angesicht der hiesigen soziokulturellen Entwicklung scheint vielmehr Norwegen das »gelobte Land« zu sein, als das die ZEIT Deutschland vor kurzem betitelte.

Ein Land ohne reaktionäres Geblöke selbst nach einem Einschnitt derartigen Ausmaßes wie dem des Osloer Attentats – ein solches Bewusstsein in Deutschland zu erreichen, erscheint utopisch. So utopisch wie die Rückkehr zur 13-jährigen Gymnasiallaufbahn und beispielsweise die Finanztransaktionssteuer durchzuboxen.

Ich sehe mich schon mit den »Geh doch nach drüben!«-Rufen davongescheucht … Jassas (= tschüs).

Mit herzlichem Dank an Jens K. für den Hinweis

Es gibt freiwillig und unfreiwillig komische Dinge auf diesem Planeten. Zu den unfreiwillig komischen Lust(ig)knaben unserer Zeit zählen augenscheinlich die Autoren der katholischen Webseite »kreuz.net«.

Die Seite untertitelt sich selbst mit »katholische Nachrichten«. Walther von La Roche, einer der bekanntesten deutschen Journalisten (ein Nachrichtenschreiber also, wenn man so will) hat ein Buch geschrieben, das Laien erklärt, was gute Berichterstattung ausmacht. Im Abschnitt »Die Nachricht« widmet er 16 Seiten der Objektivität und der Frage, warum Objektivität so wichtig für Nachrichten ist.

Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkten die Artikel auf kreuz.net, erweist sich der Untertitel »Nachrichten« als blanker Hohn.

Per Facebook wurde ich auf diesen Text aufmerksam gemacht. »Die Lufthansa stürzt ab!«, fällt einem ins Auge. Und wer es nicht gelesen hat – kein Problem, für diejenigen, die das Zölibat in all seinen Folgen blind gemacht hat, liefert kreuz.net noch ein Foto, von einer Lufthansa-Maschine im »Absturz«. Natürlich sieht das Foto im Original anders aus. Aber das ist ja auch nicht so wichtig, die Botschaft ist es schließlich, auf die es ankommt!

Fängt man an zu lesen, stellt sich kurzzeitig ein leichtes »WTF?!«-Gefühl ein.

  • »familien- und kinderfeindlich[...]«
  • »Seuchen-Homos«
  • »[...] die Straßen verseuchen«
  • »Homo-Gestörte«
  • »dämonische[...] Auftritte[...]«
  • »Homo-Gestörte[...]« (x 2)
  • »Außerdem neigen Homo-Gestörte zu Gewalt und Alkoholmißbrauch.«

So viele homophobe Phrasen auf einmal! In anderen Artikeln wird Homosexualität mehrfach als »widernatürlich« verschrien. Das finde ich amüsant. Denn was ist das Zölibat der katholischen Priester anderes?

Dass Homosexualität ein »tief eingewurzelt[er]« Teil der Persönlichkeit ist, zu diesem Schluss kam schon 1981 eine Studie. Asexualität hingegen ist ein seltenes (und nicht angeborenes) Phänomen.

Liebe kreuz.net-Berufspolemiker, wie war das doch gleich mit der Unnatürlichkeit? Zurück in die Ecke mit euch. Geht euch schämen.

P.S.: Der letzte Absatz wurde im Ductus von Franz Josef Wagner geführt, einem höchst sympathischen Bild-Schreihals. Schöne Restwoche.

Nicht so schnell!

Zu meinem letzten Blogtext über die ersten Tage der Oberstufe gab es keinerlei negative Kritik und niemand verlangte eine Gegendarstellung. Also schreibe ich hiermit eine; auch um den Menschen hinter der Fassade der Schule ein wenig mehr Gerechtigkeit und Multiperspektivität zu zollen.

Im Besonderen möchte ich an dieser Stelle auf meinen Politik-Leistungskurs (ich halte es altmodisch, »Politikkurs auf erhöhtem Anforderungsniveau« ist mir zu anstrengend) als Exempel für die positiven Aspekte des Oberstufenunterrichts eingehen.

»Politik ist doch langweilig«, höre ich oft.

Das stimmt – wenn man aus einem ungünstigen Blickwinkel darauf schaut. Mein letztes Jahr Politik war in der Tat im Kern ziemlich grauenhaft – was sich relativ frei heraus mit dem Stichwort »Politische Entscheidungsprozesse in den Gremien der Europäischen Union« begründen lässt. Das ist stumpf. »Stumpf« heißt auf Fachpädagogisch »Anforderungsbereich 1« oder »Reproduktionsarbeit«.

Auswendiglernen, beschreiben, umformulieren; all das ist A1. Auch A2, der Analyse-Teil, hat mich nie so recht gereizt. Mein ganz besonderes Interesse galt schon seit jeher der eigenen Meinung, der »Königsdisziplin«, dem Anforderungsbereich 3. Ich fand diesen Bereich schon immer tausendmal wichtiger, als zu reproduzieren, Fakten zu lernen. Denn bei dem eigentlichen Zweck unserer Schule bringt nichts weiter als Meinungsbildung.

»Bildung« kann man einmal ganz wörtlich nehmen. Die Schule bildet, formt uns als Menschen. Manche desillusioniert, manche fördert sie. Aber sie leistet einen essentiellen Beitrag für unsere Zukunft, und das nicht auf Ebene des Sachwissens, sondern der Reflexionsfähigkeit. Das klingt schon wieder so theoretisch, da haben Sie Recht.

Ich möchte auf den Politik-LK zurückkommen. Als Beispiel gelte hier das Thema »Entschädigung für Magnus Gäfgen«. Was bleibt von diesem Thema hängen? Die Reproduktionsarbeit oder die Meinungsbildung? Bleibt hängen, dass der verantwortliche Polizist, Herr Daschner, 120 Tagessätze als Geldstrafe aufgebrummt bekam – oder, welche Bedeutung dieses Urteil für unsere Demokratie oder vielmehr unser eigenes Verständnis von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit hat?

Zweiteres ist es. Denn Meinung verinnerlicht man, während man Fakten nach der nächsten Klausur vergessen hat.

In ihrem Grundsatz unterstütze ich die Oberstufe im Brustton der Überzeugung: Schon seit der neunten Klasse vertröstete man mich immer wieder auf Klasse 11, wenn ich darüber klagte, dass so wenig Eigeninitiative gefragt wurde. In der Oberstufe würde ich aufblühen, sagte man. Nur zu gerne glaube ich daran, dass dieser Zustand noch kommt.

Leider gibt es in dieser Hinsicht wenig Einsicht von »oben«. Denn eines gilt es nicht zu vergessen: Um »A3« auszuprägen, braucht es Bereitschaft seitens der Schüler. Bereitschaft, die Chance der Meinungsbildung zu ergreifen. Bereitschaft, zu diskutieren, angeregt zu diskutieren. Durch das katastrophale Missmanagement des G8-Konzepts geht diese Bereitschaft verloren.

Denn das Gros der Schülerschaft sieht nicht ein, einem System gegenüber Offenheit und Esprit entgegenzubringen, das es im Gegenzug auch nicht tut. Die Schule ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Dinge meist nur funktionieren, wenn Gegenseitigkeit in einem angemessenen Maße herrscht. Das System sollte die Interessen seiner Schülerschaft wahren, wie auch die Schülerschaft die Interessen des Systems wahren sollte.

An diesem ganz essentiellen Punkt, der über Sieg oder Scheitern entscheidet, herrscht momentan ein Ungleichgewicht zu Ungunsten der Schülerschaft. Und gegen dieses Ungleichgewicht gilt es anzukämpfen.

Ploppfs.

Das könnte das Geräusch sein, das jemand verursacht, wenn er mir nichts, dir nichts in die gymnasiale Oberstufe plumpst. (Nur vorab: wer in diesem Text nach Positivität suchen will, öffnet bitte diese Seite beim Lesen. Fronten geklärt? Gut, dann können wir ja weitermachen.)

Dieses mulmige Plumpsgefühl breitete sich in mir am gestrigen Nachmittag aus. Das Tempo zu Beginn meines elften Jahrgangs ließ in mir das Bild eines Autofahrers erwachsen, der eine Weile vor sich hindöst und dabei gemächlich durch die Gegend zockelt, bis er völlig unerwartet eine gelbe Ampel 200 Meter vor sich bemerkt und „Aaarrgh, Dich krieg’ ich!“ brüllend wie ein Bekloppter alle verfügbaren Füße auf alle verfügbaren Gaspedale drischt.

Ich könnte jetzt sagen: „Und ich dachte, der zehnte Jahrgang wäre schlimm! Das ist ja nichts gegen diesen Zustand jetzt!“ Ich könnte es aber auch lassen, denn das dachte ich überhaupt nicht. Aber ich könnte etwas anderes sagen, und zwar folgendes.

Offen gesagt frage ich mich nämlich, warum wir überhaupt erst zur zweiten Stunde in der Schule sein müssen? Und überhaupt, 15 Minuten Leerlauf am Ende dieser zweiten Stunde? Was war da los? In den darauf anschließenden 12 Unterrichtsstunden, die ich bis jetzt hatte, habe ich doch nur einen Grundtenor gelernt, wohl das erste Gebot der „Qualifikationsphase“, das alle gebetsmühlenartig wiederholten: „Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ Welch Bigotterie!

Ein tierisches Beispiel zum 18. August diesen Jahres. Schäfer Mertins (oder eher Schäferhund? Denn: ist der Schäfer nicht eher das Kultusministerium? Oder die Schulleitung? Blöd, wenn man seine eigenen Analogien nicht mehr versteht, nachdem man sie sich ausgedacht hat) scheuchte uns Oberschülerschafe ins Foyer II (= Schafstall?). Es folgte eine Viertelstunde hektischen Gebells (entschuldigen Sie, Herr Mertins, offenbar verstricke ich mich immer weiter in meinem Gleichnis), woraufhin die Schafe sich ein wenig zerstreuten – in dem Bewusstsein, dass sie noch viele Federn Fell lassen würden in der kommenden Zeit.

Bigotterie konnte man ab hier aber keinem Lehrer mehr unterstellen. Jeder spendete sein Individuum dem Kollektiv. Und dieses Kollektiv schien nahezu besessen von dem Gott, dem man mit Einhaltung des „Wir haben keine Zeit zu verlieren!“-Slogans einen Schritt näher kam: dem Abitur. Kerncurricula wurden besprochen, Inhalte und Operatoren durchgeraffelt und Kriterienkataloge ausgebreitet. Denn jetzt geht’s ja erst richtig los!

Moment. Guter Zeitpunkt, um die Bigotterie wieder hervorzukramen. Denn was passiert hier eigentlich? Nachdem wir uns über zehn lange Jahre für die Qualifikationsphase qualifiziert haben, qualifizieren wir uns nun für die Qualifikation. Das Abitur, sagen Sie? Ach was. Was ist das Abitur denn? Eine Qualifikation, um studieren zu dürfen. Und was ist das Studium? Eine Qualifikation für das Arbeitsleben. (In letzter Konsequenz wäre Arbeiten dann auch nur eine Qualifikation für eine Rente… Aber das lassen wir lieber.)

Ein Satz, den ich dieser Tage jedem ins Gesicht schmettere, der es hören will (und auch jedem anderen), ist „Der Fehler liegt im System“. Ich sage das nicht ohne Grund. Denn bei all der mit Sicherheit durchaus gerechtfertigten Kritik an unserer Schule und an unseren Lehrern und unserer Unterrichtsversorgung gilt es eines nicht zu vergessen: mit dem Zentralabitur ist der Schule viel von ihrer Dezentralisierung wieder genommen worden, vieles des Gestaltungsvermögens mancher wird nicht mehr ausgeschöpft.

So bleibt nicht viel, als mit einem hoffnungsarmen „Aleae iactae sunt“–  „Die Würfel sind gefallen“ – zu schließen und allen noch einen tollen Start in das ach so erwartungsfrohe neue Schuljahr zu wünschen.

P.S.: Wem das zu viel Schwarzseherei war – das Leben ist schön, draußen fliegen Schmetterlinge auf den Blumen poltern Bagger über eine Schlammwüste von Baustelle, … Ach, was soll’s.

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