Ein Essay von Max Niemann
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Als Anders B. am 22. Juli 2011 im Osloer Regierungsviertel eine Bombe zündet und kurze Zeit später auf der kleinen Insel Utoya ein grausames Massaker verübt, sterben dabei fast hundert großteils junge und engagierte Menschen.
In verschiedenen Medien heißt es schnell: An diesem Tag sei auch noch etwas anderes gestorben. Etwas weniger Greifbares. Und Norwegen werde ein anderes Land sein nach diesen Anschlägen, eines, das sich seiner Zerbrechlichkeit nun stets bewusst sein müsse.
Ganz am Anfang blitzt kurz die Vermutung auf, der zu diesem Zeitpunkt noch gesichtslose Täter sei ein Islamist. Schnell jedoch stellt sich heraus: Das Gegenteil ist der Fall. Denn B.s Ziel war es, der ganzen Welt auf besonders schmerzhafte und eindrückliche Weise seinen Hass gegen den Islam zur Schau zu stellen.
Nicht zufällig wählte der Täter Utoya als sein Ziel. Am Tag zuvor hatte der norwegische Außenminister die Menschen aufgesucht, deren Leben B. bald darauf mit Kopfschüssen auslöschte – um ihr politisches Engagement zu würdigen. B.s Opfer waren aufstrebende Jugendliche und junge Erwachsene, die sich für die sozialistische Regierungspartei einsetzten.
Auf Facebook-Seiten, die Freunde zu ihrem Gedenken erstellt haben, liest man noch Monate später fassungslose Beiträge und immer wieder ein trauriges »Hvil i fred« – ruhe in Frieden. Was haben diese jungen Leute Anders B. so Schlimmes angetan, dass es ihn dazu brachte, sie zu erschießen?
Die harte Wahrheit ist: Nichts. Sie waren für ihn nicht mehr als ein Symbol; ein Symbol für Achtsamkeit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. B. sah sie nicht als Menschen, schon gar nicht als solche, die in dem Ferienlager ihre Utopie der Gesellschaft lebten. Er wollte ein Exempel statuieren, vielleicht Seelenverwandte dazu animieren, sich zu ihrer Ideologie zu bekennen und sie radikaler zu vertreten als vorher. Diesen Versuch haben die Norweger mit einer musterhaften Mischung aus ehrlicher Betroffenheit und gleichzeitiger Strenge vereitelt.
Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat sich im kollektiven Schockzustand nach dem Attentat besonders positiv hervorgetan und erntet nicht umsonst große Anerkennung für seinen Umgang mit »Norwegens 9/11«, wie manche Kommentatoren die Tragödie bezeichnen. Während deutsche Politiker reaktionistisch nach schärferen Anti-Terror-Gesetzen und Vorratsdatenspeicherung riefen, blieb Stoltenberg ruhig und gleichzeitig sehr nahbar.
Fotos zeigen ihn zwar mit den Tränen kämpfend, seine Worte hingegen sind gefasst: »Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit« lautet seine Forderung. Er verunglimpft B. nicht, stellt ihn nicht (wie Bush es seinerzeit mit Osama bin Laden tat) als den Teufel auf Erden dar, sondern sucht nach Erklärungsansätzen.
Aus den Worten spricht eine Einstellung, die wir Deutschen uns noch nicht haben aneignen wollen. Sie basiert im Wesentlichen darauf, den Ursprung des Problems ausfindig zu machen und nicht seine Auswirkungen zu verhindern.
Stoltenberg hat eines völlig richtig erkannt: Einer Gesellschaft, die derart radikalisierte Fanatiker hervorbringt, ist nicht einfach zu helfen, indem Fanatismus stärker bestraft wird. Der Attentäter sagt später selbst, dass die drohende Strafe ihn in keinem Fall von der Tat hätte abhalten können. Nein, vielmehr ist es Aufgabe dieser Gesellschaft, in sich nach dem zu suchen, das Menschen wie B. möglich macht.
Diese Aneinanderreihung von Besonderheiten führt zu einer sehr interessanten Frage: Warum so anders? Wie kommt es dazu, dass die Norweger so viel gesetzter auf die Ereignisse in ihrem eigenen Land reagieren als beispielsweise wir (völlig unbeteiligten) Deutschen?
Diese Frage hat mich derart umgetrieben, dass ich meine Hausarbeit diesem Thema gewidmet und mich ausführlich damit auseinandergesetzt habe. Die Ergebnisse halte ich für sehr lehrreich, bieten sie uns doch einen Anreiz, die eigene soziokulturelle Situation zu reflektieren und möglicherweise neue Ideen einfließen zu lassen.
Die norwegische Gesellschaft beweist ein großes Maß an Geschlossenheit und Solidarität: Nach dem 22. Juli findet man in den Zeitungen Fotos von Trauernden, die aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten kommen, verschiedene Herkünfte und Hautfarben haben – und sich dennoch alle einträchtig als Norweger begreifen, mit einer gewissen Portion Stolz, aber ohne Ausgrenzung.
Eine solche Verbundenheit zum eigenen Land findet sich in diesem Ausmaß kein zweites Mal. Erreicht wird dieser Zustand durch verschiedene politische Faktoren.
So ist bemerkenswert, dass in Norwegen jedes Kind zehn Jahre lang in der gleichen Gruppe zur Schule geht – wenn ich über meine Schulzeit resümiere, dann finde ich vier Jahre Grundschule, fünf Jahre eine Gymnasiumsklasse, dann eine weitere Neuaufteilung und schließlich zwei komplett zerstreute Oberstufenjahre.
Zudem hat sich die Bildungspolitik dem Ziel verschrieben, »sowohl Wissen und Kultur zu vermitteln als auch soziale Mobilität zu fördern und eine Grundlage für die Bildung von Wohlstand sowie zur Fürsorge für alle zu schaffen«.
Weitere Indizien finden sich, sobald man in der Geschichte des Landes zu graben beginnt. Besonders stechen hierbei die beiden Weltkriege hervor: Ungeachtet des hochkochenden Konflikts ringsherum vermag es Norwegen, in beiden Kriegen weitestgehend Neutralität zu bewahren. Im Zweiten Weltkrieg kommt es zwar zur Besetzung durch die deutschen Streitmächte – doch der Drang der Norweger nach Partizipation und Meinungsfreiheit ist dermaßen groß, dass die Nationalsozialisten ihre Führung nur unter erheblichem Schutz der Wehrmacht behaupten können.
Es scheint nach 1945 fast so, als würde Norwegen für seine Haltung belohnt; in den 1960‘er Jahren findet man beachtliche Ölvorkommen im norwegischen Hoheitsgebiet und markiert so den Startpunkt einer im Laufe der kommenden Jahre immer mehr florierenden Wirtschaft. Doch hier resultiert das Plus an Kapitalismus nicht in Ungerechtigkeit: Die Einkommensverteilung ist die weltweit siebtbeste und übertrifft die beispielsweise der USA um Längen.
Aus der bereits angeführten Bildungsintention heraus lässt sich womöglich ein weiteres Phänomen erklären: Nur 0,2 Prozent aller Norweger sind mehr als ein Jahr lang ohne Arbeit. Und wo andere Studien feststellen, dass Arbeitslosigkeit unglücklich macht, beweist sich hier der Umkehrschluss – laut der »World Values Survey« gehört Norwegen zu den glücklichsten Ländern der Welt.
Einsame Spitze ist das Land jedoch in den Erhebungen des »Human Development Index«, der die soziale Entwicklung der Welt untersucht. Hier belegt Norwegen in jeder Kategorie den ersten Platz. Grundlage ist ein Geflecht aus Werten und ihrer Ausprägung: Norwegen hat einen extrem hohen Grad an Demokratie, und die Bevölkerung ist den Aufgaben der Souveränität gewachsen. Die Norweger sind weitestgehend religionsunabhängig und komplett unnationalistisch.
Eine letzte Wertgruppe jedoch gibt den entscheidenden Kick: die Selbstverwirklichungs-Werte (Norwegen: wieder Platz 1). »Selbstverwirklichungs-Werte führen zu hohen Prioritäten in [...] der Toleranz gegenüber Andersartigkeit und zu einem gesteigerten Verlangen nach Partizipation im ökologischen und politischen Leben.«
Da ist der Schlüssel zum Glück!
Weiterführendes finden Sie bei Interesse in meiner Hausarbeit unter tinyurl.com/mn-norwegen.